Unsere Philosophie – Gemeinwohlbilanz

Text aus dem Weserkurier vom 2. Oktober 2017

Gemeinwohlökonimie – Unternehmerin setzt auf ethischen Handel

Die Geschäftsfrau Gabi Herget aus dem Fesenfeld arbeitet an ihrer Nachhaltigkeit und Gemeinwohlbilanz.

Ostertor. Immer nur Wachstum ist nicht alles. Oft stellen Verbraucher auch Fragen nach der Herkunft und der Produktion der Waren, wer daran gearbeitet hat und ob er oder sie auch angemessen bezahlt wird. Gerade im alternativen Viertel könnte eine Geschäftsfrau, die nachweisen kann, wie ethisch und nachhaltig sie handelt, vielleicht punkten. Das dachte sich zumindest Gabi Herget und setzt sich seit dem Frühjahr mit dem Konzept Gemeinwohlökonomie auseinander. Bis eine offizielle Bilanz steht, wird es aber noch dauern.
Eine Kundin habe ihr von dem alternativen Wirtschaftsmodell erzählt. Später habe sie erfahren, dass sich der Sozialausschuss vom Beirat Östliche Vorstadt in einer Sitzung mit dem Thema befasste, erzählt Gabi Herget. Sie ging einfach mal dorthin und informierte sich unter anderem auch bei Vorträgen und Treffen der Bremer Regionalgruppe Gemeinwohlökonomie über das Konzept. Seit etwa 2010 versuchen verschiedene Akteurinnen und Akteure, die Gemeinwohlökonomie verstärkt in das öffentliche Bewusstsein zu bringen. Der wohl bekannteste Vertreter ist der Österreicher Christian Felber.

Für Gabi Herget passte alles. „Wir arbeiten schon von Anfang an nach diesen Kriterien“, sagt Gabi Herget. Im Jahr 2000 machte sie sich mit „Schaleur“ selbstständig; zuvor stellte sie die Halswärmer als Hobby her. Nachdem sie zunächst nur für die Wintersaison einen Laden im Steintor hatte, ist sie vor einiger Zeit dauerhaft am Ostertorsteinweg 34 eingezogen – nicht nur mit den Schaleurs, sondern auch mit anderen wärmenden Accessoires aus Merino-Wolle. Nachhaltigkeit sei mit die Idee hinter ihrer Mode, sagt sie. Und eigentlich sollte Rücksicht auf Klima und Ressourcen für Unternehmer auch selbstverständlich sein. „Wir können nachweisen, wie das Schaf gehalten wurde“, sagt sie. Auch wo die Wolle gesponnen und gefärbt wurde, könnten sie belegen. Das spiele beispielsweise beim Kampf gegen Kinderarbeit eine Rolle.

Also nichts wie los, dachte sich die Unternehmerin aus dem Fesenfeld. Sie nahm Kontakt zur Regionalgruppe und zu einer Beraterin auf. Beim Erstellen der Bilanz hilft eine Matrix, die fünf Berührungsgruppen mit dem Unternehmen aufführt. In den Punkten Menschenwürde, Solidarität und Gerechtigkeit, ökologische Nachhaltigkeit sowie Transparenz und Mitentscheidung können pro Berührungsgruppe Plus- und Negativpunkte vergeben werden. Die Matrix sei relativ verständlich gehalten, sagt Gabi Herget, die sie mit ihren Mitarbeiterinnen bereits kurz durchgegangen ist. Tief beschäftigen wollen sie und ihr Team sich damit in einer Besprechung.

Wo sie Pluspunkte holen kann, da ist sie ziemlich sicher, sei bei den Lieferanten. Viele von ihnen seien von der ersten Stunde dabei und kennen sie inzwischen gut. „Ich empfinde es als einen Reichtum, dass meine Lieferanten ein Vertrauensverhältnis zu mir haben.“ Auch bei den Mitarbeiterinnen werde sie punkten können. Zwei bis sechs Frauen beschäftigt sie je nach Saison. Zu ihnen pflege sie ein offenes Verhältnis, und sie kämen auch immer zuerst. Deshalb werde sie bei ihrer eigenen Bewertung als Eigentümerin wohl auch deutlich schlechter abschneiden. Zu wenig freie Zeit gestehe sie sich beispielsweise selber zu, was in so einem kleinen Unternehmen wohl aber auch keine Ausnahme sein dürfte.
„Ich finde es klasse, dass wir anhand dieser Matrix mal gucken können, wo wir stehen“, sagt Gabi Herget. Bei dem „mal gucken“ wird es wohl vorerst auch bleiben, denn das Bilanzieren kostet Geld. Dass Beraterinnen und Berater bezahlt werden, sei ja auch völlig in Ordnung, aber aus der Politik würde sie sich mehr Unterstützung, beispielsweise durch ein Förderprogramm, wünschen. „Da muss doch eigentlich auch ein politisches Interesse bestehen“, sagt die Unternehmerin. Mehr Bewusstsein für ethisches und ökologisch nachhaltiges Wirtschaften in einer breiten Öffentlichkeit salonfähig zu machen, muss doch auf der Agenda stehen. Gabi Herget ist sich sicher, dass gerade kleine Unternehmerinnen und Unternehmer durchaus die Kriterien erfüllen, um eine gute Gemeinwohlbilanz zu erzielen, sich die Erstellung aber oftmals nicht leisten können.

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